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Der Plot


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Informationen zum Buch
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Rezension von

Thomas Stumpf

Der Plot Jake Bonner, einst ein vielversprechender, gefeierter Newcomer am US-Literaturhimmel, konnte die im zarten Alter von 25 Jahren in ihn gesetzten Erwartungen nicht erfüllen. Er veröffentlichte noch eine kaum beachtete Kurzgeschichtensammlung, das war es. Seine beiden weiteren Romanmanuskripte wurden abgelehnt. Narzisstisch gefrustet und sich in Selbstmitleid suhlend, hält er seitdem Kurse für Kreatives Schreiben, da sich Rechnungen ja bekanntlich nicht von selbst bezahlen. Doch er hasst den Lehrerjob, hasst seine minderbemittelten Studenten und darbt an seinem Scheitern als Schriftsteller. Eines Tages trifft Jake in seinem Seminar auf einen jungen, überheblichen Studenten, Evan Parker, der ihm nach anfänglichem Misstrauen den todsicheren Plot seines im Entstehen befindlichen Romans erzählt. Parker ist davon überzeugt, dass die Idee seines Plots so genial ist, dass das Buch ein Riesenerfolg wird, ganz gleich wie schlecht sein Schreibstil auch sein mag. Als Leser erfährt man an dieser Stelle nicht, worum es geht, lediglich, dass eine Mutter mit ihrer Tochter in einem alten Haus lebt und dass die beiden sich wohl nicht so gut verstehen. So weit, so unspektakulär. Jake erkennt sofort das Potential des Plots und ist davon überzeugt, dass Parker recht hat. Er beneidet ihn um die Idee und ist noch gefrusteter. Drei Jahre später ist Parkers Buch noch immer nicht erschienen. Jake recherchiert und stellt zu seiner Überraschung fest, dass Parker bereits kurz nach dem Seminar verstorben war. Da entschließt er sich dazu, den Plot einfach selbst zu verwenden, um das Buch zu schreiben, das Parker nie geschrieben hat. Der hieraus resultierende Roman „Krippe“ wird, wie von Parker vorausgesehen, ein Weltbestseller. Der Titel verkauft sich millionenfach, Spielberg sichert sich die Filmrechte, Jake wird reich und berühmt. Er bereist das Land, gibt Interviews, Lesestunden, tritt in Fernsehshows auf. Auch privat läuft es plötzlich gut. Er findet seine Liebe und heiratet. Dann trifft eine Mail ein mit den schlichten Worten: „Du bist ein Dieb.“ Damit beginnt das Katz-und-Maus-Spiel. Mehr kann spoilerfrei nicht gesagt werden. „Der Plot“ arbeitet mit zwei Erzählebenen. Eine Ebene, die Haupthandlung, ist die Story um Jake Bonner und seinen literarischen Diebstahl. Die zweite Ebene ist der geklaute Plot selbst. Dies funktioniert so, dass in die Kapitel der Haupthandlung Auszüge aus dem von Jake geschriebenen Roman „Krippe“ eingestreut werden. Während der Leser also der geradlinig erzählten Handlung um Jakes Geschicke folgt, entspinnt sich parallel dazu begleitend die Handlung des Romans „Krippe“, womit sich nach und nach der von Parker entworfene und von Jake geklaute Plot entfaltet. Beide Stränge werden stringent erzählt und bewegen sich stetig nach vorn. Keine nervigen Rückblenden, keine Sprünge. Obwohl ab einem bestimmten Zeitpunkt man als geübter Thrillerleser erahnen kann, in welche Richtung sich beide Plots entwickeln, ist das Buch unfassbar spannend. Und dies von Anfang an, obgleich der Thriller-Anteil des Romans erst nach gut der Hälfte der Seitenzahl einsetzt. Das Buch entfaltet eine enorme Sogwirkung, ich konnte es kaum aus den Händen legen. Dass man irgendwann den Braten riecht, hat dem Lesevergnügen keinen Abbruch getan. Angenehm fällt der Roman dadurch auf, dass den Leser auf beiden Erzählebenen am Ende ein Plottwist erwartet, es die Autorin erfreulicherweise dabei dann aber auch belässt. Jean Hanff Korelitz ist zu gut, um ihre Geschichte durch mehrere Twists zu ruinieren, was man leider nicht von allen Krimi- oder Thrillerautor:innen behaupten kann. Manche twisten ihre Geschichte auf Teufel komm raus zu Tode. Dann killt die Mechanik den Inhalt. Hier nicht. Der Roman hat aber auch sein Manko. Um den Plot, den der junge Student Parker entwickelt hat, wird großes Aufheben gemacht. Der Plot soll so genial sein, dass sich quasi die ganze Welt auf ihn stürzen wird, kein geringerer als Steven Spielberg kriegt die Filmrechte. Damit schürt die Autorin von Anfang an enorm die Erwartungshaltung des Lesers. Wenn sich der Plot dann am Ende offenbart, muss man sagen: Ja, er ist gut. Aber so gut? Geradezu genial? Die Neuerfindung des Rads? Eher nicht. Ob das aber nicht sogar beabsichtigt war, reines Kalkül der Autorin, um die Selbstüberschätzung der in ihrer eigenen narzisstischen Bubble sitzenden Schriftstellerzunft darzustellen, vermag ich an dieser Stelle nicht abschließend zu beurteilen. Es spricht aber einiges dafür, denn „Der Plot“ wirft überhaupt ein fragwürdiges Licht auf Autor:innen und Verlage. Rein juristisch, so wird Jake, der jedes einzelne Wort von „Krippe“ selbst geschrieben und nicht plagiiert hat, vom Verlagsanwalt aufgeklärt, sei das alles bedenkenlos. Denn das geschriebene, gedruckte Wort ist urheberrechtlich geschützt. Ein Plot dagegen genießt kein Copyright. Und das ist auch gut so, denn sonst gäbe es keine Migration von Geschichten. Man könnte schlicht keine Romane mehr veröffentlichen, da es ohnehin nur eine Handvoll Kernplots gibt, auf die sich jeder Roman am Ende reduzieren lässt. Die Heldenreise des kleinen Frodo aus dem Auenland hätte dann nicht veröffentlicht werden dürfen, da es den Plot der Heldenreise ja schon in Homers „Odyssee“ gab, um nur mal ein (vielleicht überzogenes) Beispiel zu nennen. Aber ich glaube, es wird klar, was ich meine. Jenseits der juristischen Gedankenspiele plagt sich Jake vor allem mit seinem Gewissen. Er gesteht sich ein, dass es zumindest ethisch falsch war, die Kernidee seines Romans von einem anderen zu stehlen ohne die Herkunft zu offenbaren. Aber auch hier ist er weniger von Reue getrieben als vielmehr von der Angst, sein Ansehen zu verlieren. Es ist sein Ego, das ihn antreibt, nicht die Einsicht. Im Übrigen gibt es in diesem Buch überhaupt keine sympathischen Figuren. Jake ist auch nicht sehr smart und agiert manchmal eher unglücklich. Das lässt ihn aber um so natürlicher erscheinen. Ein großes Lob dafür an die Autorin. „Der Plot“ ist ein kluges Buch mit bemerkenswerten Einsichten in den künstlerischen Schaffensprozess, die schriftstellerischen Befindlichkeiten und in die Verlagswelt. Damit fügt Jean Hanff Korelitz ihrem Roman eine weitere, überaus interessante Facette hinzu, die ihr Buch aus dem Meer an Veröffentlichungen herausragen lässt. Zusätzlich greift sie aktuelle Themen wie Plagiatsvorwürfe, anonyme Angriffe von Trollen in den Sozialen Medien und Fake-News auf, die wie selbstverständlich in die Story einfließen. Ich war gefesselt von diesem Buch, das ich geradezu verschlungen habe. Je länger man liest, desto böser wird die Geschichte. Der Antagonist ist teuflisch. Das Buch hat mir überaus gut gefallen. Und ich mag das Ende. Von mir eine ganz klare Leseempfehlung.

Jake Bonner, einst ein vielversprechender, gefeierter Newcomer am US-Literaturhimmel, konnte die im zarten Alter von 25 Jahren in ihn gesetzten Erwartungen nicht erfüllen. Er veröffentlichte noch eine kaum beachtete Kurzgeschichtensammlung, das war es. Seine beiden weiteren Romanmanuskripte wurden abgelehnt. Narzisstisch gefrustet und sich in Selbstmitleid suhlend, hält er seitdem Kurse für Kreatives Schreiben, da sich Rechnungen ja bekanntlich nicht von selbst bezahlen. Doch er hasst den Lehrerjob, hasst seine minderbemittelten Studenten und darbt an seinem Scheitern als Schriftsteller.

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Eines Tages trifft Jake in seinem Seminar auf einen jungen, überheblichen Studenten, Evan Parker, der ihm nach anfänglichem Misstrauen den todsicheren Plot seines im Entstehen befindlichen Romans erzählt. Parker ist davon überzeugt, dass die Idee seines Plots so genial ist, dass das Buch ein Riesenerfolg wird, ganz gleich wie schlecht sein Schreibstil auch sein mag. Als Leser erfährt man an dieser Stelle nicht, worum es geht, lediglich, dass eine Mutter mit ihrer Tochter in einem alten Haus lebt und dass die beiden sich wohl nicht so gut verstehen. So weit, so unspektakulär. Jake erkennt sofort das Potential des Plots und ist davon überzeugt, dass Parker recht hat. Er beneidet ihn um die Idee und ist noch gefrusteter.

Drei Jahre später ist Parkers Buch noch immer nicht erschienen. Jake recherchiert und stellt zu seiner Überraschung fest, dass Parker bereits kurz nach dem Seminar verstorben war. Da entschließt er sich dazu, den Plot einfach selbst zu verwenden, um das Buch zu schreiben, das Parker nie geschrieben hat.

Der hieraus resultierende Roman „Krippe“ wird, wie von Parker vorausgesehen, ein Weltbestseller. Der Titel verkauft sich millionenfach, Spielberg sichert sich die Filmrechte, Jake wird reich und berühmt. Er bereist das Land, gibt Interviews, Lesestunden, tritt in Fernsehshows auf. Auch privat läuft es plötzlich gut. Er findet seine Liebe und heiratet. Dann trifft eine Mail ein mit den schlichten Worten: „Du bist ein Dieb.“ Damit beginnt das Katz-und-Maus-Spiel. Mehr kann spoilerfrei nicht gesagt werden.

„Der Plot“ arbeitet mit zwei Erzählebenen. Eine Ebene, die Haupthandlung, ist die Story um Jake Bonner und seinen literarischen Diebstahl. Die zweite Ebene ist der geklaute Plot selbst. Dies funktioniert so, dass in die Kapitel der Haupthandlung Auszüge aus dem von Jake geschriebenen Roman „Krippe“ eingestreut werden. Während der Leser also der geradlinig erzählten Handlung um Jakes Geschicke folgt, entspinnt sich parallel dazu begleitend die Handlung des Romans „Krippe“, womit sich nach und nach der von Parker entworfene und von Jake geklaute Plot entfaltet. Beide Stränge werden stringent erzählt und bewegen sich stetig nach vorn. Keine nervigen Rückblenden, keine Sprünge.

Obwohl ab einem bestimmten Zeitpunkt man als geübter Thrillerleser erahnen kann, in welche Richtung sich beide Plots entwickeln, ist das Buch unfassbar spannend. Und dies von Anfang an, obgleich der Thriller-Anteil des Romans erst nach gut der Hälfte der Seitenzahl einsetzt. Das Buch entfaltet eine enorme Sogwirkung, ich konnte es kaum aus den Händen legen. Dass man irgendwann den Braten riecht, hat dem Lesevergnügen keinen Abbruch getan. Angenehm fällt der Roman dadurch auf, dass den Leser auf beiden Erzählebenen am Ende ein Plottwist erwartet, es die Autorin erfreulicherweise dabei dann aber auch belässt. Jean Hanff Korelitz ist zu gut, um ihre Geschichte durch mehrere Twists zu ruinieren, was man leider nicht von allen Krimi- oder Thrillerautor:innen behaupten kann. Manche twisten ihre Geschichte auf Teufel komm raus zu Tode. Dann killt die Mechanik den Inhalt. Hier nicht.

Der Roman hat aber auch sein Manko. Um den Plot, den der junge Student Parker entwickelt hat, wird großes Aufheben gemacht. Der Plot soll so genial sein, dass sich quasi die ganze Welt auf ihn stürzen wird, kein geringerer als Steven Spielberg kriegt die Filmrechte. Damit schürt die Autorin von Anfang an enorm die Erwartungshaltung des Lesers. Wenn sich der Plot dann am Ende offenbart, muss man sagen: Ja, er ist gut. Aber so gut? Geradezu genial? Die Neuerfindung des Rads? Eher nicht.

Ob das aber nicht sogar beabsichtigt war, reines Kalkül der Autorin, um die Selbstüberschätzung der in ihrer eigenen narzisstischen Bubble sitzenden Schriftstellerzunft darzustellen, vermag ich an dieser Stelle nicht abschließend zu beurteilen. Es spricht aber einiges dafür, denn „Der Plot“ wirft überhaupt ein fragwürdiges Licht auf Autor:innen und Verlage. Rein juristisch, so wird Jake, der jedes einzelne Wort von „Krippe“ selbst geschrieben und nicht plagiiert hat, vom Verlagsanwalt aufgeklärt, sei das alles bedenkenlos. Denn das geschriebene, gedruckte Wort ist urheberrechtlich geschützt. Ein Plot dagegen genießt kein Copyright. Und das ist auch gut so, denn sonst gäbe es keine Migration von Geschichten. Man könnte schlicht keine Romane mehr veröffentlichen, da es ohnehin nur eine Handvoll Kernplots gibt, auf die sich jeder Roman am Ende reduzieren lässt. Die Heldenreise des kleinen Frodo aus dem Auenland hätte dann nicht veröffentlicht werden dürfen, da es den Plot der Heldenreise ja schon in Homers „Odyssee“ gab, um nur mal ein (vielleicht überzogenes) Beispiel zu nennen. Aber ich glaube, es wird klar, was ich meine.

Jenseits der juristischen Gedankenspiele plagt sich Jake vor allem mit seinem Gewissen. Er gesteht sich ein, dass es zumindest ethisch falsch war, die Kernidee seines Romans von einem anderen zu stehlen ohne die Herkunft zu offenbaren. Aber auch hier ist er weniger von Reue getrieben als vielmehr von der Angst, sein Ansehen zu verlieren. Es ist sein Ego, das ihn antreibt, nicht die Einsicht. Im Übrigen gibt es in diesem Buch überhaupt keine sympathischen Figuren. Jake ist auch nicht sehr smart und agiert manchmal eher unglücklich. Das lässt ihn aber um so natürlicher erscheinen. Ein großes Lob dafür an die Autorin.

„Der Plot“ ist ein kluges Buch mit bemerkenswerten Einsichten in den künstlerischen Schaffensprozess, die schriftstellerischen Befindlichkeiten und in die Verlagswelt. Damit fügt Jean Hanff Korelitz ihrem Roman eine weitere, überaus interessante Facette hinzu, die ihr Buch aus dem Meer an Veröffentlichungen herausragen lässt. Zusätzlich greift sie aktuelle Themen wie Plagiatsvorwürfe, anonyme Angriffe von Trollen in den Sozialen Medien und Fake-News auf, die wie selbstverständlich in die Story einfließen.

Ich war gefesselt von diesem Buch, das ich geradezu verschlungen habe. Je länger man liest, desto böser wird die Geschichte. Der Antagonist ist teuflisch. Das Buch hat mir überaus gut gefallen. Und ich mag das Ende. Von mir eine ganz klare Leseempfehlung.

geschrieben am 02.09.2022 | 1015 Wörter | 5714 Zeichen

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